Arunachaleswarar Temple

Der ayurvedische Hustenlöser ist zwar gewöhnungsbedürftig – er befindet sich in einem Plastikfläschchen, ist aber keine Flüssigkeit sondern hat eher die Konsistenz einer Paste, sodass ich mir eine Portion in den Mundraum drücken muss, die sich intensiv muffig und klebrig anfühlt und mit sehr viel Wasser herunter gespült werden muss – aber er tut ohne irgendwelche chemischen Zusätze seinen Job. Heute – an Juttas Geburtstag – geht es mir deutlich besser, so dass ich den Besuch des bedeutensten Temples der Stadt in Angriff nehme.
Wenn ich geahnt hätte, was auf mich zukommt, hätte ich wahrscheinlich darauf verzichtet. Ich beschreibe im Folgenden nur das Prozedere.
Diese Tempelanlage, die dem Gott Shiva geweiht ist, umfasst ein riesengroßes, ummauertes Areal mit vier Einlasstürmen in jeder Himmelsrichtung. Der erste Eingangsversuch wird mir verwehrt – ich muss meine Fußbekleidung (Trekkingsandalen) draußen lassen. Nein, in meinen Rucksack stecken darf ich sie nicht, ich muss sie draußen lassen! Bei einer der Obst- und Blumenverkäuferinnen neben dem Eingangsportal lasse ich sie gegen eine kleine Gebühr zurück. Barfuß unternehme ich nun den zweiten Zutrittsversuch. Nun wird mein Rucksack ausgiebig kontrolliert. Als man meine Kamera heraus holt, folgt die Ansage, dass in den Innenräumen der Tempel das Fotografieren (auch das Benutzen von Smartphones) strengstens verboten ist. Als ich nickend zustimme, darf ich auf das Gelände. Da es nun Ausschilderungen nur noch auf Tamil gibt, folge ich dem Hauptstrom der Gäste in einen vielleicht zwei Meter breiten, zu beiden Seiten vergitterten Gang. Bereits nach wenigen Schritten ist dann das Stauende in diesem Gang erreicht und es geht für die nächsten rund zwei Stunden nur noch im lähmenden Stopp and Go – Tempo voran. Unser Gittergang führt uns an verschiedenen Bauwerken außen vorbei. Wir haben Blick auf das riesige Innenareal, auf dem sich einige wenige BesucherInnen bewegen oder auch im Schatten von Bäumen ausruhen. Schließlich führt uns unser Gang auf den Haupttempel zu. Ich merke das daran, dass plötzlich noch weitere Gittergänge (vermutlich von den anderen Eingängen her führend) parallel zu unserem geführt werden und daran, dass die Menschen in meiner Schlange unruhig werden, versuchen vorzudrängeln, die Hälse recken, um vorab einen Blick auf das Heiligtum erhaschen zu können. Im Haupttempel herrscht eine sehr eigenartige Atmosphäre. Es ist fast Dunkel. An einigen Stellen jedoch wird unter Scheinwerfer- und Maschineneinsatz gearbeitet. Endlich führen drei Gänge nebeneinander auf das Hauptheiligtum zu. Es geht ein wenig treppauf, die Gänge verjüngen sich, sodass aus allen drei Gängen die Menschen nun einzeln heraustreten – angewiesen und zeitweise gestoppt von zahlreichen Ordnungskräften in (Polizei-?)Uniform. Die meisten Gläubigen sind nun total aufgeregt, recken ihre Arme nach oben, murmeln Gebete. Sie lassen sich farbige Male auf die Stirn streifen, ich bekomme zumindest ein weißes Pulver in die offene Hand gegeben. Einige Gläubige nehmen es in den Mund, andere schmieren es auf bestimmte Steinfiguren an der Wand. Ich zerreibe es mit den Handflächen, weil ich nicht weiß, was ich damit machen soll. Das winzig kleine Abbild der Gottheit, vor der die Menschen wie verzückt innehalten und Demutsgesten ausführen, ist bestimmt noch 20 Meter entfernt, als ich eine Möglichkeit finde, die Spur zu wechseln und den Rücktritt anzutreten. Der way to exit ist nun auch für mich ausgewiesen, die Zeit der Käfighaltung ist vorbei. Auf dem offenen Gelände vor dem Tempel stehen oder sitzen viele Gläubige in Gruppen zusammen und bedienen sich an den Trinkwasserstellen.
Meine Füße schmerzen nach inzwischen mehr als zwei Stunden Barfußlaufen.
Natürlich befindet sich der Ausgang nicht dort wo ich meine Sandalen ausgezogen habe. Der Bußgang über die Straße ist weit, aber als ich schließlich die Obstfrau wieder entdecke und mein Schuhwerk tatsächlich noch da liegt, bin ich mit mir im Reinen.
(Die wenigen Handyfotos im Inneren des Tempels sind heimlich – weil verboten – gemacht. Die anderen sind wegen der fehlenden Privatspäre während der Käfighaltung auch nicht besser.)


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